8. – 13. Schuljahr

Simon Raiser/Björn Warkalla

Wie funktioniert eigentlich Politik?

Entscheiden lernen mit Planspielen

Politik ist Verhandlungssache. Ob es auf der lokalen Ebene um die Finanzierung eines Jugendclubs geht, auf nationaler Ebene um Steuersenkungen oder Rentenerhöhungen, oder auf internationaler Ebene um die Rettung des Klimas immer gilt es, widerstreitende Interessen zu vereinen und Entscheidungen über die Verteilung von Geld, Macht, Sicherheit usw. zu treffen, die einen Einfluss auf das Leben vieler Menschen haben können. Die Verhandlungen darüber bestehen in der Regel aus dem zähen Ringen um kleine Fortschritte und Kompromisse, die in eine Entscheidung münden.
Für Unbeteiligte sind die Gründe für das Gelingen oder das Scheitern von Verhandlungen bzw. der Beilegung von Konflikten häufig schwer zu durchschauen. Welche Zugeständnisse haben die Einigung ermöglicht bzw. welche Forderungen haben sie verhindert? Welches strategische Kalkül leitet die handelnden Akteure? Welchen Spielraum haben sie gegenüber institutionellen, innenpolitischen und anderen Zwängen?
Insbesondere jungen Menschen zu erklären, wie Politik funktioniert, ist keine leichte Aufgabe. Lehrbücher können zwar die Entscheidungsabläufe vermitteln und diese mit allerlei Fakten unterfüttern, sehr viel schwerer ist es hingegen, die politischen Dynamiken verständlich zu machen, die zu einer bestimmten Entscheidung geführt haben.
Die Methode Planspiel
Eine spielerische Variante, die politischen Dynamiken hinter kollektiven Entscheidungssituationen zu verstehen, ist, diese zu simulieren. Genau darum geht es bei Planspielen. In einer gewählten Konfliktsituation übernehmen die Mitspielenden für die Dauer des Spiels die Rolle eines für den Konflikt relevanten Akteurs. Dessen Standpunkt müssen sie überzeugend vertreten und in den Verhandlungen durchsetzen.
Je nach Planspiel sind die Teilnehmenden Repräsentant/innen von Staaten, Ministerien, Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften, Parteien, Bürgerinitiativen, Unternehmen, Bürgerkriegsmilizen, eines Dorfes etc. angesichts der Breite der möglichen Themen sind der Fantasie kaum Grenzen gesetzt. Nicht nur Politik im engeren Sinne kann Thema von Planspielen sein, sondern letztlich jede gesellschaftliche Entscheidungssituation, die mehrere Akteure mit unterschiedlichen Interessen involviert.
Im Gegensatz zu Rollenspielen, in denen meist individuelle Charaktere dargestellt werden, vertreten die Teilnehmenden in Planspielen die Interessen gesellschaftlich relevanter Gruppen (Parteien, Bürgerinitiativen, Regierungen etc.). Zusätzlich zum sogenannten „Szenario, das für alle gleichermaßen die Ausgangssituation beschreibt und allgemeine Hintergrundinformationen zum Thema bereitstellt, erhält jede Gruppe ihr eigenes Rollenprofil mit Informationen über ihre jeweiligen Rolle im Entscheidungsprozess sowie deren spezifische Interessen und Positionen in Bezug auf den Konfliktgegenstand.
Entscheidend für ein Planspiel ist, dass die Teilnehmenden die Interessen und Positionen der von ihnen dargestellten Akteure verinnerlichen und dadurch ein besseres Verständnis für die Dynamik und Komplexität gesellschaftlicher Prozesse und Konflikte entwickeln. Sie müssen sich in den Hintergrund der von Ihnen vertretenen Akteure einarbeiten, aus deren Perspektive diskutieren und verhandeln, Koalitionen schmieden, um eine gemeinsame Entscheidung zu erreichen. Die Teilnehmenden lernen dabei auch, zwischen verschiedenen politischen Optionen abzuwägen: Welche sind wünschenswert, welche realistisch?
Der handlungsorientierte Ansatz von Planspielen das direkte Erleben politischer Entscheidungsprozesse fördert bei den Teilnehmenden ein tieferes Verständnis für das Zustandekommen politische Entscheidungen. Gleichzeitig kann das Eindenken in möglicherweise unvertraute oder auch unsympathische Positionen zu einem Hinterfragen der eigenen Ansichten führen und das Bewusstsein dafür fördern, dass auch andere Sichtweisen...

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