11. – 13. Schuljahr

Peer Egtved

Die neue Seidenstraße

Fortsetzung der wirtschaftlichen Globalisierung oder geostrategische Grundlage für die neue Supermacht China?

Die neue Seidenstraße soll China und Europa auf dem Landweg sowie China, Afrika und Europa auf dem Seeweg verbinden. Es handelt sich um eine Seewegverbindung und sechs Landverbindungen, die durch chinesische Kredite, aufgenommen durch die betreffenden Anrainerstaaten, finanziert und meist von chinesischen Firmen gebaut werden. Mit dieser Infrastrukturinitiative kann sich die VR China als neue weltweite wirtschafts- und politische Großmacht positionieren. Findet damit gleichzeitig eine weltweite Neuverteilung von politischer und ökonomischer Macht statt? Wie kann man diese Verteilung von Macht messen? Mit Hilfe des Konzeptes des forschenden Lernens werden Schülerinnen und Schüler ökonomische und politische Macht bewerten und eine Neubeurteilung der weltweiten Machtverteilung durch Chinas Investitionen vornehmen.
Seidenstraße als neue WTO?
Die neue Seidenstraße ist ein enorm ehrgeiziges aber auch janusköpfiges Infrastrukturprojekt. Zum einen ermöglicht dieses Projekt die Handelswege zwischen China, Europa und Afrika auszubauen und erheblich zu verkürzen. Durch den Ausbau von Straßen, Bahnlinien, Kraftwerken und Häfen werden zahlreichen Staaten, die zwischen China, Europa und Afrika liegen, ökonomische Entwicklungsperspektiven ermöglicht, der Handel beschleunigt sowie neue Märkte erschlossen. Zum anderen verschulden sich diese Staaten bei chinesischen Staatsbanken mit hohen Summen, übernehmen politische und ökonomische Standards Chinas, räumen dem chinesischem Staat jahrzehntelange Nutzungsrechte an Häfen sowie Bahnlinien ein und begeben sich damit in eine ökonomische und politische Abhängigkeit gegenüber China (vgl. Anja Steinbuch/Deutsche Welle 2017).
Das ehrgeizige neue Seidenstraßenprojekt wird rund 900 Mrd. US-Dollar kosten und umfasst voraussichtlich 65 Länder. Bis zum Jahr 2049 wird sich die neue Seidenstraße vom Rand Ostasiens bis nach Ostafrika und Mitteleuropa erstrecken, 62% der Weltbevölkerung und 35% der weltweiten Handels betreffen. Die Hauptrouten sind in Abbildung 1 dargestellt. Finanziert werden die Investitionen durch die beiden multilateralen Organisationen Asian Infrastructure Investment Bank und die Asian Development Bank, die eine neue asiatische/chinesische Alternative gegenüber der Finanzierung durch die Weltbank darstellen. Außerdem finanzieren die China Development Bank, die Bank of China und andere chinesische Staatsbanken und Staatsunternehmen den Bau der neuen Seidenstraße. Der größte Teil der Investitionen und die Rückzahlung der Kredite sowie die Vergabe der Tief- und Hochbauaufträge werden zu chinesischen Bedingungen durchgeführt.
Joe Kaesers, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, vermutet, dass die neue Seidenstraße die neue WTO werden wird: Der Vorstandsvorsitzende der Siemens AG fürchtet, dass die Abhängigkeiten der sich mit chinesischem Geld verschuldenden Staaten so groß sein werden, dass der globale politische und ökonomische Einfluss der chinesischen Regierung massiv steigt. Sie wird in der Lage sein, die zukünftigen Bedingungen für den weltweiten Handel entscheidend zu gestalten. Diese Sorge ist nicht unberechtigt: So hat Griechenland 2017, nach der Verpachtung des Hafens Piräus an die chinesische Staatsrederei COSCO, die EU-Erklärung gegen China vor dem UN-Menschrechtsrat blockiert. Ungarn, das sich ebenfalls mit chinesischem Geld für ein Seidenstraßen-Infrastrukturprojekt versorgen konnte, weigerte sich 2017, die EU- Initiative gegen Folter inhaftierter chinesischer Anwälte zu unterstützen. 2018 verweigerte Ungarn als einziges EU-Land seine Zustimmung zur EU-Initiative für eine Liberalisierung des Handels und gegen Investitionshemmnisse zugunsten subventionierter chinesischer Unternehmen (vgl. Andreas Becker/Deutsche Welle 2018).
Doch die neue chinesische Seidenstraße stößt immer stärker auf Widerstand....

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