5. – 13. Schuljahr

Karl-Josef Burkard/Bernd Remmele

Globalisierung auf dem Rückzug?

Nachlassende Dynamik des Welthandels, Abkehr vom Multilateralismus, protektionistische Tendenzen, Rückzug in den vermeintlich sicheren Hafen des Nationalstaats nicht erst seit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten, sondern schon seit der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 mehren sich die Anzeichen für eine Krise der Globalisierung. Von „Globalisierungsdämmerung (Politikum 4/2017) oder gar vom „Ende der Globalisierung (Süddeutsche Zeitung 10.04.2017) ist die Rede. Selbst wer wie Thomas Straubhaar dieser Diagnose widerspricht, kommt nicht umhin, von einer „neuen Form der Globalisierung mit veränderten Akteuren, Interessenlagen und Kräfteverhältnissen zu sprechen (DLF 12.12.2017).
Ursachen, Triebkräfte, Erscheinungsformen, Institutionen, Akteure und Folgen des Globalisierungsprozesses werden in allen Curricula der ökonomischen und politischen Bildung thematisiert und in einer kaum noch zu überblickenden Fülle gedruckter wie digitaler Materialien für den Unterricht erschlossen. Manche der darin unterstellten Gewissheiten geraten durch die aktuellen Entwicklungen ins Wanken, etwa die vermeintliche Unaufhaltsamkeit der Globalisierung, die scheinbar durch nichts zu erschütternde Dominanz des „Westens oder die funktionale Logik einer immer engeren politisch-ökonomischen Integration Europas.
Die Beiträge dieses Heftes greifen exemplarisch einige Aspekte der hier skizzierten Entwicklung aus unterschiedlichen Perspektiven auf: Was können wir aus der Geschichte der Globalisierung u.a. über die ökonomischen Hintergründe und Auswirkungen protektionistischer Bestrebungen lernen? Wie kommen globale Handelsbilanzungleichgewichte zustande, und welche Konsequenzen könnte der auf deren Abbau zielende Wirtschaftsnationalismus der Trump-Administration nach sich ziehen? Warum verlässt das grundsätzlich globalisierungsfreundliche Vereinigte Königreich den multilateralen Staatenverbund Europäische Union? Welche ökonomischen, politischen und militärischen Ambitionen Chinas zeigen sich an dem transkontinentalen Projekt einer „Neuen Seidenstraße? Wie kann sich die durch innere Krisen und Spaltungen geschwächte EU in der veränderten Weltlage behaupten?
Globalisierung als weltgeschichtlicher Prozess
Globalisierung kann beschrieben werden als ein geschichtlicher Prozess von langer Dauer, in dem globale Interaktionen zwischen Individuen, Unternehmen, Staaten und sonstigen Akteuren an Intensität und Häufigkeit zunehmen, weit entfernte Räume zeitlich immer dichter aneinanderrücken und die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Verflechtungen immer enger werden. Die Globalisierung hat eine lange „Vorgeschichte: Auf die europäische Expansion vom 16. bis zum 18. Jahrhundert folgte eine „erste Globalisierung, die mit der Industriellen Revolution in England einsetzte, in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ihren Höhepunkt erreichte und mit der De-Globalisierung in der Zwischenkriegszeit ein katastrophales Ende fand.
Die bis heute andauernde „zweite Globalisierung ist nicht nur, aber auch das Resultat einer nach dem Zweiten Weltkrieg von den USA aus ideologischen Motiven wie aus wirtschaftlichen und politisch-strategischen Interessen betriebenen Politik der „offenen Türen. Der Abbau von Beschränkungen des Waren-, Dienstleistungs-, Personen- und Kapitalverkehrs ermöglichte eine bis heute anhaltende Beschleunigung globaler Trends. Dies betraf insbesondere die Revolutionierung des Personen- und des Frachttransports und der Kommunikationsmittel, sowie die Internationalisierung der Produktion und die Herausbildung weltweiter Märkte für Waren, Kapital und Dienstleistungen.
Ein tieferes Verständnis der gegenwärtigen Weltlage erscheint kaum möglich ohne grundlegende Kenntnisse dieser geschichtlichen Zusammenhänge, weshalb wir uns entschieden haben, diesen weltgeschichtlichen Prozess der Globalisierung so zu erzählen, dass er auch...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen