11. – 13. Schuljahr

Luis Oberrauch

Die Vermessung des Glücks

Lässt sich Lebenszufriedenheit in Zahlen ausdrücken?

Die Glücksforschung beschäftigt sich bereits seit einigen Jahrzehnten mit der Frage, was Menschen glücklich macht. Ermittelt wird die Lebenszufriedenheit z.B. mit folgender Frage aus der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (kurz: ALLBUS-Studie) des Leibniz-Instituts für Sozialwissenschaften (GESIS):
„Zum Schluss möchten wir Sie noch nach Ihrer Zufriedenheit mit Ihrem Leben insgesamt fragen. Antworten Sie bitte wieder anhand der folgenden Skala, bei der ‚0 ganz und gar unzufrieden und, ‚10 ganz und gar zufrieden bedeutet. Wie zufrieden sind Sie gegenwärtig, alles in allem, mit Ihrem Leben?
(GESIS 2019)
Somit sind nicht die Beobachtungen von tatsächlichen Entscheidungen Basis der Untersuchungen, sondern die vom Individuum selbst geäußerten Präferenzen. Die Ergebnisse führen zu interessanten Erkenntnissen bezüglich der Frage, was Menschen im ökonomischen Kontext glücklich macht. Demnach sind Menschen beispielsweise zufriedener, wenn sie berufstätig, verheiratet, gesund oder auch finanziell wohlhabend sind.
Durch die Aufnahme der „Zufriedenheitsskala in große Befragungen stehen Daten für eine Vielzahl von Ländern und Zeiträumen zur Verfügung. Das wiederum ermöglicht die Untersuchung von Zusammenhängen zu makroökonomischen Indikatoren wie Inflation, Arbeitslosigkeit oder Wirtschaftswachstum. Insbesondere die Betrachtung der Relation zwischen Lebenszufriedenheit und Bruttoinlandsprodukt (BIP) hat zum Teil überraschende Ergebnisse hervorgebracht, die unter der Bezeichnung „Easterlin-Paradoxon diskutiert werden (vgl. Easterlin 2001).
Einkommen und Lebenszufriedenheit
Der Zusammenhang zwischen Einkommen und Lebenszufriedenheit ist bereits umfassend untersucht worden. Mit Blick auf einzelne Länder, zu einem bestimmten Zeitpunkt, wird die traditionelle Sicht bestätigt: Einkommensstärkere Personen äußern im Durchschnitt eine höhere subjektive Lebenszufriedenheit als Einkommensschwächere. Macht Geld also doch glücklich?
Die Paradoxie zeigt sich erst bei Betrachtung der beiden Größen im Zeitverlauf oder über mehrere Länder hinweg. Während in vielen Industrieländern das BIP über mehrere Jahrzehnte anstieg, blieb die geäußerte Lebenszufriedenheit im selben Zeitraum weitestgehend konstant (ebd). In Deutschland wuchs beispielsweise zwischen den 1970er- und den 2000er-Jahren das reale BIP pro Kopf um insgesamt das Doppelte, während die (aggregierte) Lebenszufriedenheit konstant blieb (M3).
Easterlin identifiziert zwei Kerngründe für diesen Widerspruch: Demnach passen sich Menschen erstens im Laufe der Zeit an ihre neuen Lebensumstände (z.B. einen höheren Lebensstandard) an. Mit steigenden individuellen Einkommen auf Grundlage eines gestiegenen BSP/BIP steigen in der Regel die materiellen Anspruchsniveaus und somit auch die individuellen Erwartungen („hedonistische Adaption).
Dies hat zur Folge, dass das Zufriedenheitsniveau bei einer Erhöhung des BSP/BIP konstant bleibt. Außerdem zeigte sich, dass diese Adaption in pekuniären Bereichen, d.h. in Bereichen, in denen der Tausch auf der Basis von Geld erfolgt (z.B. nach dem Kauf eines Neuwagens), stärker greift als in immateriellen Bereichen (z.B. nach einer Hochzeit).
Zweitens gelten, neben dem Einkommen, z.B. der Beschäftigungsstatus sowie der Wohnort ebenfalls als materielle Bestimmungsgrößen für Lebenszufriedenheit. Die Anzahl der Kinder, die Wohnform oder auch die gesundheitliche Verfassung wirken hingegen als immaterielle Effekte auf die Lebenszufriedenheit (vgl. Rätzel 2017).
Glücksmessung als Lerngegenstand
Die Beurteilung traditioneller Wohlstandsmaße stellt, spätestens in der Sek.II, einen zentralen Bestandteil aller Curricula der ökonomischen und politischen Bildung dar. Die Verwendung des BIP als Wohlstandsindikator für eine Gesellschaft stößt jedoch in Wissenschaft, Politik und Medien vermehrt auf heftigen...

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