9. – 13. Schuljahr

Andreas Wüste

Viel Glück für viele?

Analyse, Anwendung und Beurteilung utilitaristischer Denkansätze

Entscheidungen in Politik und Wirtschaft zu begründen, ist nicht immer leicht. Der nachvollziehbare Wunsch, den Nutzen politischer und ökonomischer Entscheidungen oder auch eine Glücksbilanz rechnerisch zu ermitteln, ist weit verbreitet. Für wen bringt eine Entlastungsstraße in der Stadt mehr „Freude, für wen mehr „Leid? Wie viel „Glück lässt sich mit einem neuen Parkplatz für Einkaufende in der Innenstadt erreichen, wenn dieser Parkplatz auf Teilen eines bisherigen Schulhofs entsteht und damit „Unglück für andere Betroffene bedeutet?
Utilitaristisches Denken
Für die Entscheidungsfindung komplexer gesellschaftlicher Probleme bedarf es geeigneter Strategien, die mit Schülerinnen und Schülern reflektiert werden können. Ein bekannter Ansatz sind die Entscheidungsstrategien, die auf den Utilitarismus zurückgehen auch wenn sie nicht ganz unumstritten sind.
Eine erste systematische Erörterung des utilitaristischen Denkansatzes lässt sich bei Jeremy Bentham finden. In seiner Einführung in die Prinzipien von Moral und Gesetzgebung skizziert er seine Grundidee einer erfolgreichen Ethik. Er ist auf der Suche nach einem Maßstab, dem hedonistischen Kalkül, das „es erlauben soll, alle erdenklichen Empfindungen von Freude und Leid [] gegeneinander aufzurechnen und eine Gesamtbilanz des menschlichen Glücks aufzustellen (Höffe 2013, S. 14).
Bei Benthams utilitaristischem Denkansatz handelt es sich um eine Moralphilosophie, die im Nützlichen die Grundlage des sittlichen Verhaltens sieht. Die individuellen Nutzengrößen sollen dabei interpersonell vergleichbar und addierbar sein.
Unter Nützlichkeit versteht Bentham hierbei „jene Eigenschaft an einem Objekt [...], durch die es dazu neigt, Gewinn, Vorteil, Freude, Gutes oder Glück hervorzubringen [...], oder [...] die Gruppe, deren Interesse erwogen wird, vor Unheil, Leid, Bösem oder Unglück zu bewahren; sofern es sich bei dieser Gruppe um die Gemeinschaft im Allgemeinen handelt, geht es um das Glück der Gemeinschaft; sofern es sich um ein bestimmtes Individuum handelt, geht es um das Glück dieses Individuums (ebd. S. 55ff.).
Interpersonelle Vergleiche
Die Vorstellung, Entscheidungsverfahren zu mathematisieren und Glück berechnen zu können, ist auch heute noch sehr beliebt. Schülerinnen und Schüler können sich mit diesem Beitrag damit beschäftigen, inwiefern Entscheidungen oder Glück überhaupt rechnerisch zu ermitteln sind. Schnell wird mit Hilfe verschiedener Anwendungsbeispiele klar, dass z.B. eine präzise Bestimmung der betroffenen Personen-(Gruppen) schwierig ist, wenngleich der Wunsch, alle berücksichtigen zu wollen, natürlich grundsätzlich gut ist.
Zudem können Schülerinnen und Schüler die Problematik erleben, inwieweit eine seriöse Messbarkeit überhaupt möglich sein kann, wenn es um interpersonelle Vergleiche geht. Und nicht zuletzt: Was können mögliche Konsequenzen sein, wenn nur quantitativ kalkuliert wird, aber wenig bis gar keine qualitativen Aspekte bei der Berechnungsstrategie berücksichtigt werden?
In der Geschichte der Nationalökonomie basieren auf den beschriebenen interpersonellen Vergleichen und der Aggregation von Nutzengrößen etwa die von Alfred Marshall und Arthur Cecil Pigou geprägten „Old Welfare Economics (vgl. Schumann 2014, S. 232ff.).
Würdigung und Kritik
Zudem wurde von verschiedenen Theoretikern und Praktikern versucht, utilitaristische Denkansätze in Politik, Wirtschaft und Justiz als leitendes Entscheidungsmotiv anzuwenden. Unumstritten ist der Ansatz jedoch nicht. Eine zentrale Kritik bringt Höffe auf den Punkt:
„Wenn von zwei möglichen Handlungen, die den gleichen kollektiven Gesamtnutzen hervorbringen, die eine den Nutzen auf eine kleine Zahl von Personen, die andere ihn auf viele oder alle verteilt, so sind utilitaristisch gesehen beide Handlungen gleichwertig. Nach unseren Gerechtigkeitsvorstellungen...

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