1. – 13. Schuljahr

Andreas Schalück, Beatrix Wolf

Gut abgesichert?

Formulieren und Argumentieren lernen am Beispiel Pflegeversicherung

Wer pflegt mich im Alter? Diese Frage ist für Schülerinnen und Schüler zunächst einmal ganz weit weg. Die Herausforderung der vorliegenden Unterrichtssequenz besteht auch darin, den jungen Lernenden begreiflich zu machen, dass in einem funktionierenden Sozialstaat die Bevölkerungsgruppen nicht getrennt voneinander betrachtet werden können, sondern Alt und Jung jeweils ihren Teil beitragen müssen.
Die im Folgenden skizzierte Unterrichtssequenz kann als Einstieg in die Thematisierung des Sozialstaates dienen, da sich am Beispiel der Pflegeversicherung die aktuellen Herausforderungen des demografischen Wandels exemplarisch abbilden lassen. Grundlegende Vorstellungen über den Sozialstaat bei den Schülerinnen und Schülern sind dabei hilfreich. Über detaillierte Vorkenntnisse der bestehenden gesetzlichen Regelungen sollten die Lernenden allerdings nicht verfügen: Das primäre Ziel des vorliegenden Materials besteht gerade darin, dass sich die Schülerinnen und Schüler darüber bewusst werden, wie sie sich selbst den idealen Sozialstaat in der Auseinandersetzung mit der Konzeption einer Pflegeversicherung eigentlich vorstellen.
Diagnosemöglichkeit für Lehrkräfte
Für die Lehrkraft bietet dieses Unterrichtsarrangement die Möglichkeit, dem allgemein beklagten Informationsdefizit in Bezug auf die Lernausgangslage, also in diesem Fall die Einstellungen (Meinungen, Vorausurteile, Einschätzungen ... ) der Schülerinnen und Schüler und deren Verfestigungsgrad, innerhalb einer Lerngruppe diagnostisch entgegenzuwirken.
Im Sinne der Kontroversität kann in den Folgestunden der Fokus auf die diagnostizierten vernachlässigten Perspektiven in der Diskussion gerichtet werden. Das hier vorgestellte diagnostische Instrument des Formulierungsbaukastens lässt sich auch auf andere Bereiche übertragen (z.B. Arbeitslosen-, Rentenversicherung, Kündigungsschutz, Zuwanderungsgesetz ... ) und wurde mehrfach erfolgreich erprobt.
Hintergrund: Sorgenkind Pflegeversicherung
Am 1. Januar 1995 wurde die Pflegeversicherung als jüngster eigenständiger Zweig der Sozialversicherung eingeführt. Sie ist die Pflichtversicherung mit dem geringsten Beitragsaufwand. Arbeitnehmer und Arbeitgeber finanzieren den Beitragssatz von 3,05 % bzw. bei Kinderlosen 3,3 % (Stand: 2020) paritätisch, wobei der Kinderlosenzuschlag ausschließlich von den Versicherten alleine zu tragen ist.
Seit Einführung der Pflegeversicherung hat sich die Zahl der Pflegebedürftigen deutlich erhöht von zwei Millionen Leistungsbeziehenden im Jahr 1999 auf 3,4 Millionen im Jahr 2018. Dies hängt z.T. auch mit einem veränderten Pflegebedürftigkeitsbegriff zusammen. Im Jahr 2018 wies die gesetzliche Pflegeversicherung ein Defizit von mehr als 3,5 Milliarden Euro auf. Gleichzeitig prognostiziert das Bundesgesundheitsministerium für das Jahr 2030 eine Steigerung auf 4,6 Millionen Pflegebedürftige, u.a. aufgrund gestiegener Lebenserwartung sowie sich verändernder Familienstrukturen.
Die Fragen nach der konkreten Ausgestaltung der Pflegeversicherung sind beinahe täglich Gegenstand im politischen Diskurs. Debattiert werden konkrete Reformen der bestehenden Einzelregelungen ebenso wie ein grundlegender Systemwechsel (z.B. Kapitaldeckung statt Umlageverfahren; Bürgerversicherung ...).
Das Material im Unterricht
Die Problematisierung des demografischen Wandels als zentrales gesellschaftspolitisches Problem bietet sich einleitend (auch) für das folgende Unterrichtsarrangement an. Mithilfe eines ausgezeichneten, vielseitig einsetzbaren interaktiven Tools des Statistischen Bundesamtes zur Entwicklung der Bevölkerungspyramide kann die Lerngruppe im Sinne der Adressatenorientierung „spielerisch simulierend die Dringlichkeit des Regelungsbedarfes erfahren. (https://service.destatis.de/bevoelkerungspyramide/index.html).
Daran anknüpfend werden in M1 die...

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