1. – 13. Schuljahr

Ohne Worte ohne Wissen?

Schüleräußerungen und wahrgenommene Kompetenz

„Der die Preise sind ja auch mit Absicht ein bisschen höher als, ein paar Cent höher, als äh das Produkt wert ist, aber jeder Mensch weiß auch, soundso viel Prozent, ich weiß nicht wie viel, gehen an den Staat, der damit halt Schulen Kindergärten, äh, oder anderes baut, Straßen. Und ... äh ja. (Peter)
Zu welchem Ergebnis würde man kommen, wenn man die ökonomische Sach- oder Urteilskompetenz dieses Schülers aufgrund seiner Aussage bewerten müsste? Nicht nur in schriftlichen, sondern auch in verbalen Äußerungen ist die Differenziertheit der Sprache mit der wahrgenommenen Kompetenz eng verbunden: Peter verwendet in seiner Ausführung weder fachspezifische Begriffe, noch kann er den Mehrwertsteuersatz benennen. Dennoch beschreibt er in seinen eigenen Worten das Phänomen der Mehrwertsteuer und das Allokationsprinzip.
Lehrpersonen stehen tagtäglich vor der Herausforderung, aus einer Vielzahl von sprachlichen Äußerungen ihrer Schülerinnen und Schüler u.a. abzuleiten, welche Kenntnisse und Fähigkeiten diese haben, um eingangs ihren Unterricht subjektorientiert zu gestalten (und nicht zu über- oder unterfordern) und abschließend den Kompetenzerwerb zu bewerten. Hierbei besteht die Gefahr, dass aus den sprachlichen Grenzen der Kinder und Jugendlichen fachliche Grenzen abgeleitet werden. Es ist die Aufgabe der fachdidaktischen Forschung, sowohl die Perspektiven von Lernenden systematisch zu erfassen als auch den Lehrkräften Möglichkeiten, Methoden und Materialien zur Verfügung zu stellen, um die Schülerperspektiven in ihrem Unterricht zu erfassen, einschätzen und bewerten zu können.
Zwar lassen sich diese grundsätzlichen Herausforderungen auf alle Unterrichtsfächer übertragen. Allerdings bestehen im sozialwissenschaftlichen Unterricht vor allem zwei Besonderheiten, wie auch das Eingangsbeispiel zeigt:
  • Die fachlichen Inhalte weisen einen (un-)mittelbaren gesellschaftlichen Bezug auf, sind somit Teil der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler, in sich vielschichtig und darüber hinaus miteinander verknüpft. Dies bedeutet, dass die Jugendlichen mit Situationen vertraut sind, die mit bestimmten Aspekten des Unterrichtsinhalts übereinstimmen, und sie evtl. darüber auch mit anderen kommuniziert haben, jedoch andere Themen, Facetten und Bezüge sich der unmittelbaren Beobachtung entziehen. In der Summe entwickeln die Lernenden eine individuelle Vorstellung, die sich nur teilweise direkt verbalisieren lässt (vgl. u.a. Lutter 2007).
  • Urteils- wie Handlungskompetenz im sozialwissenschaftlichen Kontext sind theoretisch wie unterrichtspraktisch eng verbunden mit sprachlichen Fähigkeiten. Denn um gesellschaftliche wie auch individuelle Gestaltungsspielräume wahrzunehmen, ist es u.a. notwendig, die eigene Position vertreten zu können; sowohl im Sinne einer politischen als auch (sozio-)ökonomischen Handlungskompetenz (vgl. u.a. Autorengruppen Fachdidaktik 2015 und Sozioökonomische Bildung 2019).
Die Herausforderung spitzt sich zu, wenn sozialwissenschaftlicher Unterricht für Lernende zu gestalten ist, die auf der ersten Ebene verstärkt mit gesellschaftlichen Herausforderungen konfrontiert sind welche somit ihre Vorstellungen zu ökonomischen und politischen Phänomenen beeinflussen und auf der zweiten Ebene sprachliche Schwierigkeiten haben, ihre Perspektiven und, im Weiteren, ihre Fähigkeiten zum Ausdruck zu bringen. Dies trifft u.a. für Lernende mit sonderpädagogischem Förderbedarf Lernen (FS L) oder emotionale und soziale Entwicklung (FS esE) zu. Da ca. die Hälfte der Schülerinnen und Schüler im FS L und FS esE an allgemeinbildenden Schulen unterrichtet werden, sehen sich auch zunehmend Lehrpersonen an sog. Regelschulen mit dieser Herausforderung konfrontiert (vgl. Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der BRD 2018).
Aus der Forschung: Vorstellungen von Lernenden
Ohne diese Lerngruppe zu...

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