1. – 13. Schuljahr

Andreas Wüste

Pflastersteine des Anstoßes

Rede- und Argumentationsstrategien innerhalb einer Fallanalyse zur europäischen Vergaberichtlinie

In modernen Demokratien fallen Entscheidungen nicht vom Himmel oder werden ex cathedra von Autoritäten verkündet, sondern basieren auf zum Teil sehr langwierigen Aushandlungsprozessen. Die Entfaltung einer (eigenen) Position und die Teilnahme am politischen Diskurs ist dabei nicht immer einfach denn oft sind Entscheidungen von politischen oder wirtschaftlichen Akteuren nicht auf den ersten Blick nachvollziehbar oder widersprechen intuitiven Vorstellungen. Dies trifft insbesondere auf kommunalpolitische Entscheidungen zu, die häufig von höheren Verwaltungsebenen beeinflusst werden. Im vorliegenden Fall betrifft dies das Beschaffungswesen der Beispielkommune Wipperfürth, welches von Richtlinien der Europäischen Union beeinflusst wird; hier von der europäischen Vergaberichtlinie (RICHTLINIE 2014/24/EU DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS UND DES RATES vom 26. Februar 2014), welche das Verfahren über die öffentliche Auftragsvergabe regelt (EUR-Lex 2014).
Der Fall: Neue Pflastersteine für Wipperfürth
In der Kleinstadt Wipperfürth im Bergischen Land (ca. 21.000 Ew.) schwelt seit Längerem ein Streit über die Vergabe für die Sanierung des zentralen Marktplatzes, der neu gepflastert werden soll. Die europäische Vergaberichtlinie (s.o.) regelt das Verfahren über die öffentliche Auftragsvergabe. Öffentliche Aufträge werden für den Erwerb von Dienstleistungen, Lieferungen oder wie im vorliegenden Fallbeispiel der Kleinstadt Wipperfürth für den Erwerb von Bauarbeiten vergeben. Eine Ausschreibung ist nach der europäischen Vergaberichtlinie im offenen Verfahren erfolgt, in dem ein Unternehmen ein vollständiges Angebot einreichen kann. Den Zuschlag für die Ausschreibung im Fall von Wipperfürth hat ein Unternehmen erhalten, das den Platz mit Grauwacke-Steinen aus Indien pflastern möchte. Ein Unternehmen aus dem direkten Nachbarort, das lokal abgebaute Grauwacke-Steine hätte anbieten wollen, wurde nicht berücksichtigt. In Politik und Bevölkerung hat dies hohe Wellen geschlagen, und die Bürgerinnen und Bürger zeigen in Leserbriefen und sozialen Netzwerken ihr Unverständnis. Es steht also die Frage im Raum: Inwiefern ist die europäische Vergaberichtlinie eine mögliche Zugangsschranke für lokale Unternehmen?
Ein Ansatz: Strukturierte Rollensimulation
Die verschiedenen Positionen und Interessen zur europäischen Vergaberichtlinie im Rahmen der Fallanalyse in der Kleinstadt Wipperfürth sollen nicht nur theoretisch erarbeitet werden. Die Schülerinnen und Schüler erlangen vielmehr mithilfe einer fiktiven Diskussionsrunde realitätsnahe Einblicke in kommunal- und europapolitische Debatten: Sie übernehmen die Positionen bestimmter Akteurinnen und Akteure, die in den Fall involviert sind.
Ein weit verbreiteter Ansatz in der politischen und wirtschaftlichen Bildung sind Diskussionsformate, um Geltungsansprüche zu prüfen und Urteilsbildung anzubahnen. Mit der strukturierten Rollensimulation werden dabei Kontroversität einerseits und politische Urteilsbildung anderseits aufgegriffen. Die Simulation ermöglicht es, sprachlich anspruchsvolle Redebeiträge z.B. im Rahmen von strukturierten Statements einzuüben und außerdem Argumentationsstrategien anzuwenden, die einem realen Diskurs sehr nahe kommen. Redebeiträge lassen sich im Bezug zum Kontext des Lerngegenstandes analysieren, also z.B.: Inwiefern werden Beiträge der Zielgruppe entsprechend formuliert? Ist der Beitrag dem Anlass angemessen? Sind inhaltliche Bezüge gehaltvoll? etc.
Im Rahmen von strukturierten Rollensimulationen setzen sich Schülerinnen und Schüler mit eigenen, aber vor allem auch mit fremden Positionen auseinander. Eigene Vorschläge und deren Begründungen werden z.B. angelehnt an eine reale Person eingebracht. Mithilfe argumentativer Techniken kann es gelingen, den Diskurs zu prägen.
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