1. – 13. Schuljahr

Wer nicht argumentiert verliert!

Ein Gespräch über Sprachbildung in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern

1. Frau Reble, Sie forschen zum Verhältnis von Sprache und gesellschaftswissenschaftlichem Fachunterricht. Warum ist Sprachbildung so wichtig?
Sprache ist in allen Fächern das zentrale Medium des Lernens. Schülerinnen und Schüler entwickeln sich in ihrem Lernprozess immer gleichzeitig sprachlich und fachlich weiter. Fachkompetenz ist ohne sprachliche Kompetenz nicht umsetzbar. Das Konstrukt, das die Schülerinnen und Schüler dazu befähigt, etwas zu verstehen oder verständlich wiederzugeben, wird mit dem Begriff „Bildungssprache beschrieben. Bildungssprachliche Kompetenz stellt eine wichtige Voraussetzung für die Teilhabe an Bildungsprozessen in der Schule und in der Gesellschaft dar und ist der Schlüssel zu jeglichem Lern- und Bildungserfolg. Dies belegen auch seit 20 Jahren große vergleichende Schulleistungsstudien.
Aktuell bestätigen die Ergebnisse der kürzlich veröffentlichten PISA-Studie wieder, dass weiterhin Leistungsunterschiede aufgrund von Zuwanderung und sozialer Herkunft bestehen. Ein sprachbildender Fachunterricht ist vor allem für Kinder wichtig, für die Deutsch nicht die Muttersprache ist; aber auch für diejenigen, die über die Familie nicht mit Bildungssprache in Kontakt kommen. Ein Beispiel: Wer zu Hause am Mittagstisch regelmäßig mit den Eltern argumentiert, dem wird es leichter fallen, das auch im Politikunterricht zu tun. Wer hingegen zu Hause generell weniger spricht und kurze Sätze formuliert, der muss Gelegenheit bekommen, diese Kompetenzen in der Schule zu erwerben. Kinder, die zu Hause wenig oder eine andere Sprache sprechen, profitieren besonders von der sprachlichen Unterstützung.
2. Wie lässt sich das Verhältnis von Sprache und fachlichem Lernen in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern bestimmen?
Im Gegensatz zu den MINT-Fächern wird im gesellschaftswissenschaftlichen Fachunterricht Wissen fast ausschließlich über Sprache vermittelt. Besonders deutlich wird die Wichtigkeit der Sprache, wenn man die zentralen Fachkompetenzen genauer betrachtet, die ganz zentral immer auch sprachliche Kompetenzen fordern. Außerdem findet viel Textarbeit statt. Es ist die Aufgabe der Fachlehrkräfte, ihre Schülerinnen und Schüler auch sprachlich dazu zu befähigen, mit den komplexen Texten ihrer Fächer umzugehen.
Sprache hat verschiedene Funktionen. Für die gesellschaftswissenschaftlichen Fächer sind die kommunikative und die kognitive Funktion besonders relevant. Denn wir haben dort seltener die Möglichkeit, die Fachinhalte in anderen Darstellungsformen als der Sprache zu präsentieren: Sie können weniger gut bildlich, haptisch, über eigene Formeln oder in einem Experiment dargestellt werden, wie es im naturwissenschaftlichen Unterricht geschieht. In den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern konstituieren sich Fachkonzepte vor allem über Sprache. Sie ist das zentrale Werkzeug unseres Unterrichts, um Fachinhalte zu rezipieren, zu konstruieren oder zu produzieren.
Außerdem sind in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern Sprache und Denken bzw. Verstehen nicht trennbar, wenn man bedenkt, dass die Fachkompetenzen der gesellschaftswissenschaftlichen Fächer mit sprachlichen Handlungen operationalisiert werden. Die Sprache ist diesen Fächern immer schon immanent, wenn man an Sprachphilosophie, Logik oder die Theorie der Hermeneutik denkt. Als zoon politikon sind wir im Gegensatz zum Tier mit Sprache und Vernunft ausgestattet und haben damit überhaupt erst die Möglichkeit zu beurteilen.
Eine bildungssprachliche Kompetenz in allen Fächern für alle Schülerinnen und Schüler aufzubauen und sich auch als Lehrkraft eines gesellschaftswissenschaftlichen Faches hierfür verantwortlich zu fühlen ist somit einerseits wichtig, um herkunftsbedingte Ungerechtigkeit im Bildungssystem zu verringern, und andererseits, um die Schülerinnen und Schüler zur Teilhabe am...

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